Die Jahrhundertchance der Wiener Stadtplanung

Siegerprojekt - Freie Mitte vielseitiger Rand

Es war ein Paukenschlag. 2012 gewann die Bietergemeinschaft Studiovlay den städtebaulichen Wettbewerb für das Leitbild Nordbahnhof.

Ein Entwurf, den es so in Wien noch nicht gegeben hat. Der Kern des Leitbildgebietes ist eine riesige Grünfläche, die Freie Mitte. Mit der Freien Mitte wird das Ziel verfolgt, möglichst viel vom Bestand zu erhalten. Rundherum eine verdichtete Bebauung, die eine hohe Nutzungsmischung vorsieht und die Fehler der Vergangenheit, nämlich die Trennung Bürozeile/Lassallestraße, dahinter die Wohnsiedlung, korrigieren soll.

Vielen Bewohner*innen ging das Herz auf. Der Freiraum sollte, anders als der neue Rudolf-BednarPark, wild und naturbelassen sein. In den letzten Jahren hat sich hier eine wunderbare Gstettn mit seltenen Pflanzen und Tieren etabliert. Dazu gibt es einige alte Bahnhofsreste wie Weichenhebel, Schienen und Reste der Kohlenrutschen.

So nahe am Stadtzentrum ist so eine „Stadtwildnis“ einzigartig. Im Rahmen einer Bürgerbeteiligung  wurde das Leitbild von den Bürger*innen und allen Dienststellen der Stadt geprüft und schlussendlich auch so beschlossen. Alles gut? Nun, nicht ganz.
Wir hatten bald das Gefühl, so richtig wollte der Funke für die Umsetzung des Leitbildes bei den verschiedenen Akteuren innerhalb der Stadt Wien und der Politik nicht überspringen.
Zwar war die Stadtplanung sehr euphorisch, aber von anderen Abteilungen bzw. Beteiligten hörte man auch sehr viel Kritik und Unverständnis oder einfach auch nichts. Während einige vom „Karl-Max-Hof des Städtebaus“ sprachen, sagten andere: „Ein Leitbild ist ein Leitbild, also nur eine erste Planungsgrundlage, mehr nicht.“ Überhaupt fiel oft die Frage, wie man die Planung umsetzen soll. In Wien wurden in den letzten Jahrzehnten erst zwei solche großen Stadtentwicklungsgebiete umgesetzt: die Seestadt Aspern und das Areal Hauptbahnhof/ Sonnwendviertel.

Viele Qualitäten und Anforderungen im Leitbild Nordbahnhof sind neu:

  • Die Freie Mitte provozierend groß, in ihrer Wildheit nicht zu bändigen.
  • Wer soll das bezahlen?
  • Streng geschützte Tierarten und womöglich Anrainer, die Bauprojekte um Jahre verzögern.
  • Acht Hochhäuser, die andere Gebäude in den Schatten stellen.
  • Nutzungsmischung mit Gewerbe und Büroflächen, wo doch an der Lassallestraße hunderttausend Quadratmeter Büroflächen leerstehen.
  • Eine Geschäftsstraße in Zeiten des Geschäftesterbens.
  • Und das alles in Zeiten sinkender Budgets und unter enormem Zeitdruck.

Wir, die IG Lebenswerter Nordbahnhof, haben aber immer die Chancen gesehen:

  • Der größte neue Park seit vielen Jahrzehnten. Die Ersparnis der Straßeninfrastruktur finanziert die Freie Mitte.
  • Die geschützten Pflanzen und Tiere sind ein Gewinn. EU-Förderungen für Naturschutz schaffen die Basis für die
  • Eine engagierte Bewohnerschaft, die sich gerne einbringt und so zur Umsetzung des Leitbildes beiträgt.
  • Die notwendige Bebauungsdichte, um hier wirklich städtisches Leben zu ermöglichen.
  • Die hohe Nutzungsmischung schafft lebendige Straßen. Der hohe Büroleerstand betrifft großräumige Flächen. Die Nachfrage nach kleinen, leistbaren Flächen ist dafür enorm.
  • Kleinteilige Geschäftsflächen schaffen Abwechslung, die Büroflächen entlang der Geschäftsstraße sorgen für die Frequenz.
  • Mit kreativen Ansätzen spart man in der Umsetzung viel Geld und Zeit. Es gibt in Wien viele Beispiele, wo mit viel Können, Willen und Bürgerbeteiligung tolle Projekte umgesetzt wurden.

 

Einige für uns zentrale Punkte wollen wir im Folgenden näher beschreiben.

Bürgerbeteiligung und Information

Bürgerbeteiligung hat am Nordbahnhof eine gute Tradition. Schon vor dem städtebaulichen Wettbewerb wurden Informationen aus der Bevölkerung eingeholt. Ständige Begleiterin der Entwicklung ist die Gebietsbetreuung mit dem Nordbahnvierteltreff. Hier haben die Bewohner*innen und weitere Interessierte eine sehr niederschwellige Möglichkeit, um sich zu informieren und auszutauschen.

Nach dem städtebaulichen Wettbewerb zum Leitbild Nordbahnhof gab es einen Beteiligungsprozess. Hier haben sich 36 Anrainer*innen in mehreren Workshops intensiv eingebracht. Es gab auch größere Formate, die Grätzlcafés, an denen ein paar hundert Bürger*innen teilgenommen haben. Den Abschluss bildete 2014 eine Veranstaltung, bei der die Ergebnisse groß gefeiert wurden.
Danach kam lange kaum etwas. Zwischen 2014 und 2017 gab es zwar einzelne, kleinere Infoabende und geführte Spaziergänge, aber erst im Frühjahr 2017 fand wieder eine breitere Infoveranstaltung  der Stadt Wien/ÖBB statt. Hier nahmen sich 300 Menschen Zeit und informierten sich über die neuesten Entwicklungen.
Seit 2017 gibt es auch das Bezirksforum der Projektleitung Bahnareale Wien. Hier werden eingeladene Bürger*innen über den aktuellen Entwicklungsstand informiert. Es sind Vertreter der relevanten Dienststellen anwesend, die vom Fortgang der Dinge berichten und Fragen beantworten.
Im Stadtraum in der Nordbahnhalle ist eine ständige Ausstellung zum Nord- und Nordwestbahnhof. Zusätzlich suchen wir als IG immer wieder den Austausch mit Stakeholdern, sind mit eigenen Aktivitäten präsent und werden selbst eingeladen. So gab es eine Einladung zu einem Workshop der Stadt Wien über die Gestaltung der Bruno-Marek-Allee oder Workshops zur Markenbildung „Nordbahnviertel“.

Was am Nordbahnhof noch fehlt, ist ein übergeordneter Prozess, der wirklich eine breite Beteiligung vorsieht und nicht nur Information bereitstellt.

Ein Konzept, dass sich wie ein roter Faden durch den Entwicklungsprozess zieht. Doch leider sind die Zugänge innerhalb der Stadtverwaltung und anderer Stakeholder sehr unterschiedlich. Die große Lücke von drei Jahren nach der Festlegung des Leitbildprozesses sehen wir sehr kritisch. Hier hat man die Energie einer breiten Bürgerbeteiligung verpuffen lassen. Deswegen haben wir unter anderem die Nordbahnhofvorlesungen ins Leben gerufen haben. Wir wollen uns damit als Bevölkerung in den Entwicklungsprozess einbringen und unsere Beteiligung selbst organisieren. Es kommen regelmäßig fünfzig bis siebzig Bürger*innen, zusammen erarbeiten wir Stellungnahmen und informieren zu aktuellen Themen der Entwicklung.

Die Freie Mitte

Die Freite Mitte ist eine der größten innerstädtischen Freiflächen Wiens.

Genau genommen gibt es nur zwei größere neue Parkflächen, nämlich den Donaupark und den Kurpark Oberlaa, die beiden Flächen der internationalen Gartenschauen. Das heißt, dass die Freie Mitte über einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren erst die dritte Fläche von einer derartigen Dimension ist, die in Wien entwickelt wird. Sie ist die Brache des ersten Bahnhofs in Österreich, mit sehr viel Geschichte und Geschichten. Im Laufe der Zeit von vielen seltenen Pflanzen und auch streng geschützten Tierarten in Besitz genommen. Von den Anrainer*innen seit Jahrzehnten genutzt, früher still und heimlich, nun immer öfter laut und selbstbewusst.

Es gibt so tolle Orte hier. Der Skaterplatz (mittlerweile abgerissen!), die Hecke vom Neuntöter (geschützte Vogelart), die Lacken der Wechselkröte, die Doppeltunnel unter der Schnellbahn, die alte Eisenbahnbrücke über die Leystraße. Die kleinen versteckten Ecken, wo man sich zum Picknicken trifft. Stiegen, die von unbekannten Bekannten instandgesetzt werden. Ein alter Tennisplatz, der auf die nächsten Matches wartet, und ein Lastenkran, der Startpunkt eines Flying Fox sein kann.

Man sollte meinen, mit der Geschichte des Nordbahnhofes wäre es selbstverständlich, die wichtigsten historischen „Erinnerungen“ zu bewahren. Aber es fehlt hier eine fachliche und öffentliche Auseinandersetzung mit der Herausforderung, einen Stadtteil zu entwickeln und ein historisches Erbe erhalten zu wollen.
So war der Erhalt von Bestandsstrukturen keine Vorgabe des städtebaulichen Wettbewerbs. Die meisten Wettbewerbsbeiträge sahen auch eine komplette Räumung des Geländes vor. Eine oft gehörte Kritik an der Stadtentwicklung – Tabula rasa mit bestehenden Flächen.

Die Schienen waren zu Kaisers Zeiten eine Verbindung des Lebens und zur Nazizeit ein Weg in den Tod.

Die ersten Schienen wurden auch schon herausgerissen und hinterließen erste Schrammen. Ein DIY Skatepark (ALM DIY) wurde erst von der Stadt Wien gefördert, die Weiterführung des Projekts gelang aber nicht. Hier waren sich die Verantwortlichen nicht einig, und so endete der Skatepark 2016. Im Jahr darauf wurde der Platz dann plötzlich mit Baggern geräumt.

Die Doppeltunnel unter der Schnellbahn wurden im Dezember 2017 verschlossen. Zu teuer ist die Renovierung, zu wenig Kraft gibt es bei der Suche nach Alternativen.

 

Über die alte Eisenbahnbrücke sind vor wenigen Jahren noch tonnenschwere Lokomotiven gefahren, nun ist sie gesperrt. Selbst für Fußgänger ist sie plötzlich zu gefährlich. Eine Renovierung ist gewünscht, eine Finanzierung noch nicht gefunden, der Wille dazu nicht überall vorhanden, absurde Summen stehen im Raum. Die Schienen sind Stolperfallen, wer übernimmt die Haftung! Und überhaupt, das geht doch nicht, wo kommen wir da hin. Was für ein Potenzial, hier mitten in Wien. Aber erkennen das die entscheidenden Personen und Stellen?

Wir hatten oft das Gefühl, es ist ein Muss, diese zehn Hektar Freiraum zu verwirklichen, und kein Wollen.

Aber warum ein Muss? Für uns Bewohner*innen ist dieser Freiraum einzigartig. Die Einstellung, hier etwas tun zu müssen und nicht zu dürfen, ist uns unverständlich. Und bauen muss man hier gar nichts, das meiste ist schon da. Es gibt Wege, Hecken, Sitzgelegenheiten, Treppen, Pflanzen und Tiere.

Man braucht nicht weit reisen, um zu sehen, wie es ginge. Es reicht eine Fahrt mit der U2 zur Station Stadlau in der Donaustadt. Dort liegt der Grünzug Mühlgrund. Zehn Hektar Freiraum wurden um 500.000 Euro, anstatt zig Millionen, entwickelt. Aus einer landwirtschaftlichen Brachfläche der MA 49 wurde über viele Jahre, zusammen mit Jugendinitiativen und arbeitsmarktpolitischen Programmen, ein toller „Park“ gestaltet. Sehr einfach, sehr günstig und sehr erlebenswert.
Die geschützten Tierarten am Nordbahnhof sind kein Hindernis für die Entwicklung, sie ermöglichen die Umsetzung eines EU-Life-Projekts. Die EU fördert Maßnahmen zu Erhaltung des Lebensraumes mit siebzig Prozent der Kosten. Die Wechselkröte hat auf der gesamten Fläche des Nordbahnhofes einen Lebensraum gefunden. Wir haben diese Info natürlich an die zuständigen Stellen der Stadt Wien weitergegeben. Die Reaktionen waren unterschiedlich. So manche/r hat sich gefreut: „Ja, so muss man das machen.“

Andere waren skeptisch: „ So geht das nicht, es gibt Normen, Richtlinien, und überhaupt die Haftung!“ Eine Antwort haben wir aber oft gehört: „Wir sind noch nicht dran.“ Aber bis man dran ist, ist schon sehr viel zerstört, Werte sind für immer verloren. Wir wollten nicht warten und haben die Seite und das Projekt „Stadtwildnis Nordbahnhof“ – gestartet. „So müsste man das machen.“ Auch das haben wir, inoffiziell, oft gehört.

Ein wichtiges Instrument, um die Flächen abzusichern, ist die Flächenwidmung. Hier wurde der Bereich der Freien Mitte mit „E ‒ Natur und Erholungsraum“ gewidmet. Diese Art von Widmung ist neu in Wien. Parks werden normal mit „EPK – Erholungsraum Parkgebiet“ gewidmet. Und genau das soll die Freie Mitte eben nicht werden, ein klassischer Stadtgartenpark.
Anders als im Donaufeld in Floridsdorf ist es am Nordbahnhof nicht gelungen, die Widmung „SWW ‒ Schutzgebiet Wald und Wiesengürtel“ festzulegen. Diese Widmungskategorie entspricht sehr gut der vorhandenen Stadtwildnis, mit dem Vorkommen von streng geschützten Tierarten und Pflanzen.
Es ist sehr interessant zu beobachten, dass am Donaufeld in Floridsdorf etwas möglich ist, was am Nordbahnhof nicht ging. Für die Grünfläche im Donaufeld ist durch die Widmung „SWW“ die MA 49 (Forstamt) zuständig. Die wäre auch für die Freie Mitte am Nordbahnhof eine passende Umsetzerin gewesen. Das ging dann aber deshalb nicht, weil für innerstädtisches Grün die MA 42 (Stadtgartenamt) zuständig ist.

Offenbar bürgt das „Feld“ in Donaufeld mehr für Land, das „Bahnhof“ in Nordbahnhof mehr für Stadt.

Die Flächendichte mit sechzig Hektar, 6000 Wohnungen des Donaufeldes ist ähnlich wie die des Nordbahnhofs. Die verschiedenen Magistratsabteilungen unterscheiden sich in Hinblick auf den Zugang und die Erfahrungen mit naturbelassenen Flächen, den Naturschutz und die internen Richtlinien der Gestaltung. Die MA 49 hat einen viel einfacheren Ansatz für die Herstellung und Erhaltung, dadurch kommt es günstiger.

Zu hoffen ist, dass die MA 42 in der Gstettn am Nordbahnhof ein Potenzial sieht und ihre sehr hohen Umsetzungsansprüche der Stadtwildnis hier anpasst. Wir helfen natürlich gerne mit unseren Ideen und unserer Expertise als Anrainer*innen. Ein weiterer entscheidender Unterschied: Bei der MA 42 übernimmt die Erhaltung das Bezirksbudget, bei derMA 49 das Zentralbudget.

Im Idealfall wird möglichst zeitig mit derGrünflächenentwicklung begonnen. Das Konzept „Frühes Grün“ der Stadt Wien sieht genau das vor. Dadurch stehen den neuen Bewohner*innen schon bei Bezug fertige Freiflächen zur Verfügung. Die Bäume sind schon gut angewachsen, der Boden wurde durch Baustelleneinrichtungen nicht verdichtet. Eine Win-win-Situation für alle. Das passiert auch anderswo, die Seestadt Aspern oder auch der Rudolf-Bednar-Park bei uns im Viertel sind gute Beispiele dafür. Kombiniert mit einer geplanten Zwischennutzung lassen sich so sehr schnell und kostengünstig Projekte umsetzen.

Während an vielen Orten die Zwischennutzung ein wichtiges Thema ist, funktioniert das am Nordbahnhof bislang nicht wirklich. Die Gstettn war dafür immer tabu. Zu groß war die Angst, dass hier jemand Tatsachen schafft und nicht mehr weggeht. Dieses Misstrauen gegenüber der Bevölkerung war uns nie verständlich. Dadurch sind auch tolle Projekte gescheitert. Dazu gehört ein temporärer Nachbarschaftsgarten auf einer Fläche der Stadt vor dem Robert-Uhlir-Hof der nur als Idee blühen durfte und natürlich der Skaterplatz ALM DIY, der zwar kurz aufblühen konnte, aber schlussendlich verräumt wurde.

Aufgebrochen wurde diese Ablehnung der Zwischennutzung erst durch die TU Wien mit dem Projekt „Mischung Nordbahnhof“. Hier wird die ehemalige Imgrohalle, nun Nordbahnhalle, bespielt und allen Beteiligten wird nun langsam klar, welches Potenzial diese Flächen haben. Nachdem den Wasserturm jahrelang niemand haben wollte, zeigen plötzlich viele auf. 2017 war der erste Sommer in der Halle und die offenen Räume haben gezeigt, wie toll dieser Ort ist. Auf der schmalen Terrasse sitzen und die Füße in die Gstetten baumeln lassen. Den Neuntöter beim Singen zuhören und die Heuschrecken von den Beinen klopfen. Abends einen Film ansehen beim Filmfestival Wasserturm. Wir hoffen, dass das aktuelle Projekt noch lange weitergeführt werden kann. Gemeinnützig, unter Beteiligung der Bürger*innen.

Der Nutzen einer gemischten Nutzung

Schon der Masterplan von 1994 für den Nordbahnhof definiert eine stadttypische Nutzungsmischung. Der Nordbahnhof sollte, wie seine Nachbarviertel, bunt durchmischte Gebäude mit Wohnungen, Büros, Geschäften und soziale Infrastruktur wie zum Beispiel Schulen oder Kindergärten bekommen. Von dieser Vorgabe ist aber nicht viel übrig geblieben.
Alle Bürobauten sind an der Lassallestraße und der Walcherstraße konzentriert, dahinter gibt es nur Wohnbauten. Von der lebendigen Erdgeschoßzone, die im Masterplan sehr gut definiert ist, ist kaum etwas vorhanden. In den Neunzigerjahren begann man mit einer Büroblockzeile und vergaß auf die zukünftige Entwicklung dahinter. Aber auch später baute man an der Walcherstraße noch zwei Bürogebäude und dahinter fast ausschließlich Wohnungen. Mit wenigen Änderungen hätte man einen großen Effekt erzielt. So hätte zum Beispiel der Tausch des 2nd Central Bürogebäudes der Raiffeisen Evolution in der Walcherstraße mit dem Migra-Wohnbau Schweidlgasse wesentlich mehr Leben in das zukünftige Zentrum des Viertels gebracht. Chancen, die für immer liegen gelassen wurden. Die Leystraße warimmer als wichtige Verbindung zwischen Lassallestraße und Innstraße geplant. Das wird sie auch werden. Die Erdgeschoßzone besteht aber großteils aus Garagenentlüftungen, Fahrradräumen und Ähnlichem.

Man hat hier so gebaut, als würde nie weitergebaut werden. Das wird sich später rächen. Denn plötzlich wird das Potenzial da sein, aber toter Raum bleibt tot. Das einzige Lokal war das Café Aero, das hat aber 2017, nach sechs Jahren, geschlossen. Zwischen Fertigstellung der beiden Seiten der Leystraße werden fast zehn Jahre vergehen. Das ist für Pioniere zu lange. Eine Lösung hier könnte sein, in Stadtentwicklungsgebieten nicht Baufeld nach Baufeld zu entwickeln, sondern entlang von Achsen. Bei der zukünftigen Geschäftsstraße, der Bruno-Marek-Allee, werden beide Seiten innerhalb von zwei Jahren errichtet. Wir hoffen, dass dies ausreicht, um eine stabile Erstbesiedlung der Gewerbeflächen zu gewährleisten.

Der Anspruch an die Bruno-Marek-Allee ist sehr hoch.

Sie ist der erste neue innerstädtische Boulevard im Wien der Zweiten Republik und soll die unternehmerische Lebensader des Nordbahnviertels sein.

Neben einem zeitgemäßen Verkehrskonzept, nämlich einer weitgehendenVerkehrsberuhigung, der neuen Straßenbahnlinie O und sehr breiten, begrünten Gehsteigen soll hier eine gute Mischung von großen und kleinen Geschäftslokalen entwickelt werden. Nach den Erfahrungen mit der Seestadt Aspern setzt man auch am Nordbahnhof auf ein übergreifendes Erdgeschoßzonenmanagement. Das soll einen guten Branchenmix garantieren und das Leerstandsrisiko minimieren. Über das gesamte Gebiet der nächsten Bauphasen soll die Nutzungsmischung zwanzig Prozent Gewerbefläche und achtzig Prozent Wohnfläche betragen.

Das halten wir für sehr wichtig, um die bisherige Aufteilung in Wohnviertel und Büroviertel aufzubrechen. In umliegenden Altbauviertel, das oft als Beispiel für ein funktionierendes städtisches Leben hergenommen wird, findet man eine solche Aufteilung nämlich nicht. Dort gibt es in den meisten Gebäuden verschiedene Nutzungen. Das wiederum befördert eine Belebung der Straße, wodurch auch Geschäfte existieren können, was wiederum wichtig ist, um Arbeitsplätze zu schaffen. Mit einem Gewerbeanteil von zwanzig Prozent, das sind knapp 100.000 Quadratmeter, schafft man rund 5000 Arbeitsplätze. Ob und wie aber die angestrebten zwanzig Prozent Gewerbe/Nichtwohnen um- bzw. durchgesetzt werden, ist im Moment offen.

Auch wenn eine Nutzungsmischung am Nordbahnhof leichter umzusetzen ist, ganz ohne Förderung, Vorgaben und Programme seitens der Stadt/Wirtschaftsagentur/Wirtschaftskammer wird es nicht gehen. So zum Beispiel haben hier ansässige Unternehmen noch keine Info der Wirtschaftskammer bekommen, dass hier gerade Gewerbeflächen gebaut werden. Deswegen ist das Projekt „Mischung: Nordbahnhof“ der TU Wien so wichtig und richtig. Hier wird mit der Bespielung der Nordbahnhalle die frühe Ansiedlung von Kleinunternehmen gefördert. Sogenannte Macher*innen können hier ihre ersten Erfahrungen im Gebiet machen und zusammen mit den Bauträgern ihre zukünftigen Gewerbeflächen sehr früh gestalten. Am Nordbahnhof wird es auch einen Qualitätsbeirat geben, bei dem auch Anrainer*innen eingebunden sind. Das ist sicher auch ein Unikum und spricht für den Nordbahnhof. Bei uns gibt es eine Zusammenarbeit zwischen Bewohner*innen, Stadt und Entwickler*innen. Die Wickel, die es mit Anrainer*innen in anderen Gebieten gibt, gibt es am Nordbahnhof nicht.
Der Beirat soll im Jänner 2017 starten und die Entwicklung die nächsten Jahre über begleiten und Qualitäten einfordern und auch kontrollieren. Wir werden uns hier weiterhin konstruktiv einbringen, still im Hintergrund, aber auch mit Lautstärke auf allen Kanälen,wenn es notwendig ist.

Unser Ziel ist klar: ein lebenswerter Nordbahnhof.

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Ein Gedanke zu “Die Jahrhundertchance der Wiener Stadtplanung

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